19.05.15

ARTGERECHTES MÜNCHEN: TIERSCHUTZ BIS ZUM TELLER



München nennt sich ganz offiziell 'Bio-Stadt'. Das geht einigen Mitmenschen noch nicht weit genug - sie wollen aus der bayerischen Landeshauptstadt eine artgerechte Stadt machen. Ein Stadtratsbeschluss soll her, mit dem Ziel, in allen städtischen Einrichtungen und bei öffentlichen Veranstaltungen, nur noch artgerechte Produkte zu zulassen. Hübsche Idee, schwer umzusetzen könnte man meinen - wenn da nicht 148 Mitbürger wären, die man getrost als lokale VIPs bezeichnen könnte. Und die Druck machen wollen. 


Der Mann hat Nerven. Setzt sich aufs Podium und sagt: "Ich bin Metzger und mein Beruf ist es Tiere zu töten". Karl-Ludwig Schweisfurth ist eine Instanz in Fleischesser-Kreisen, die von ihm gegründeten Hermannsdorfer Landwerkstätten das seit 20 Jahren gültige Role-model für gewissenhaften Umgang mit Tieren und den Verarbeitung. Eine Selbstverständlichkeit, dass er einer der Ersten bei der Gründung des Aktionsbündnis "Artgerechtes München" ist. Deren Ziel ist nur vordergründig erstaunlich, den so Rupert Ebner vom Vorstand 'Slow Food Deutschland': "Das Thema Landwirtschaft gehört in die Stadt. Agrarpolitik liegt im zentralem Interesse jedes Bürgers, und ist keine Sache ausschliesslich für die Agrarverbände". Trotzdem erstaunt die geballte Prominenz, die sich für diese Forderung nach artgerechter Tierhaltung stark macht. Musiker, Unternehmer, Politiker, Professoren, 'einfache' Bürger - sie alle scheinen sich darüber bewusst zu sein, dass sich ohne konkretes Handeln in Sachen Tierschutz wenig bewegen wird. Das zeigt sich - so Ebner - allein schon daran, dass in Deutschland trotz entsprechender Gesetze und Strafen noch nie (!) jemand wegen Verstosses gegen das Tierschutzgesetz ins Gefängnis gegangen ist. Sämtliche Verfahren sind mit Geldbußen oder maximal Bewährungsstrafen geahndet worden. Eigentlich ein Skandal wenn man bedenkt, dass durch die Unwirksamkeit von Antibiotika - bedingt durch den massiven Einsatz in der Tiermast und damit verbundenen Resistenzen beim Menschen - sterben rund 15.000 Deutsche pro Jahr. Der 
Landwirt aus der Nähe von Landshut Josef Schmid, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft: "Landwirtschaft ist mehr als ein Unternehmen, sie arbeitet mit den Grundlagen unserer Gesellschaft und hat deshalb auch eine besondere Verantwortung". Er macht die Trennung von Tierhaltung und Ackerbau in der Landwirtschaft für die heutigen Probleme in der Landwirtschaft verantwortlich. 




Ex-Staatsminister Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin sieht in dem frisch gegründeten Bündnis eine philosophische Dimension: "Der reale Umgang mit Tieren spricht den minimalsten Normen des Miteinanders, blanken Hohn. Alle Tiere sollten artgerecht gehalten werden. Das sollte der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Carnivoren und Veganern sein". Vor allem die gesetzlichen Unstimmigkeiten - zum Beispiel zwischen Grundgesetz und Tierschutzgesetz - müssen beseitigt werden. Das es kein unmögliches Unterfangen ist, aus München eine artgerechte Stadt werden zu lassen, machte Stephanie Weigel von der Tollwut-Umweltabteilung deutlich. Laut einer in Auftrag gegebenen Umfrage von 
TMS Emnid vom September 2014 sagen 75% der Münchner, dass sie ein Artgerechtes München wollen. Eine Forderung die entgegen der landläufigen Meinung sogar bezahlbar wäre. Die Kosten für Gemeinschaftsverpflegung wie Kindergärten oder Altenheime würden weniger als 10% steigen, bei Banketten oder Großveranstaltungen würde der Aufpreis bei 10 - 20% liegen. Und auch wenn diese Kosten im Vergleich gering sind - die Erfahrung zeigt leider, dass der Verbraucher von der Möglichkeit mit seinem Konsumverhalten negative Entwicklungen zu beeinflussen, nur selten Gebrauch macht. Aber vielleicht sorgen ja die 148 prominenten Vertreter der Münchner Stadtgesellschaft für ein Umdenken. Und ein artgerechtes München. 



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