05.01.14

WEINBAR LORELEY: TRINKEN A LA CARTE IN MÜNCHEN

Ein Lichtblick im vinologischen Dunkel der Isarmetropole: Unter diesem Schild liegt derzeit das Zentrum des kultivierten Weingenusses in München. Wer sich die Zeit nimmt, das ausführliche Weinbuch der LoreLey zu studieren, kann sich in den unendlichen Weiten des Weins verlieren


Die Geschichte beginnt ... 


... vor über 20 Jahren mit einem jungen Mann, ganze 17 Jahre alt, der eine Leidenschaft entdeckt. Ein 78er Fieuzal (rot) spielt da eine entscheidende Rolle. Er ist über einen Schuldfreund, dessen Eltern ein Hotel nebst respektablem Weinkeller in München führen, mit dem Virus Wein angefixt worden. Wein, das ist Gregors Ding. Obwohl selber noch nicht einmal geschäftsfähig, macht Gregor Sturm in Wein. Der Vater wird breit geschlagen, die geschäftliche Seite des Unternehmens offiziell zu vertreten, der Junior sucht die Weine aus, besucht mit seinen Entdeckungen Freunde und Bekannte, macht private Verkostungen, vertreibt die vorgestellten Weine. Aus der Passion des Gymnasiasten wird über die Jahre ein richtiges Geschäft. Das sich in Zeiten des Internet aber immer schwieriger gestaltete. "Ich hatte irgendwann keine Lust mehr zu argumentieren, warum ein Wein bei mir einen Euro teuer ist als im Internet", so Gregor. Für ihn stand die kompetente, persönliche Beratung im Vordergrund. Nicht die Preisfeilscherei. Die Konsequenz: Der Vater übernahm den Handel jetzt komplett, der Junior studierte Architektur. Soweit die Vorgeschichte.


Stilsicheres Konzept: Wein im Vordergrund,
Neonreklame als Einzelstück


Gregor, Oliver und Christoph - drei Mann, eine Mission.


Im Januar 2013 beginnt die Geschichte der LoreLey in der Münchner Marienstrasse 18. Durch Zufall bietet sich Gregor die Möglichkeit, aus der vorher hier beheimateten Pilsbar etwas Anderes zu machen. Beruflich ist er ziemlich rumgekommen, überall ist er auf Weinbars gestossen. Nur in seiner Heimatstadt München gab es nichts Vergleichbares. Er griff zu und heute erinnert nichts mehr an die schmierige Pilstube von einst. Der Architekt Gregor hat ganze Arbeit geleistet, schlichte Eleganz, massives Holz, klare Formen schaffen ein zurückhaltend-zeitloses Ambiente. Das allein einem Zweck dienen soll: Dem ungetrübten Weingenuss. Rund 40 Weine sind im offenen Ausschank, alle zu sehen und zu fühlen in der Weinwand. Vor allem Europa, Schwerpunkte sind Deutschland, Frankreich, Österreich und - Griechenland. Die Weine besorgt Gregor immer noch direkt, denn er will " ... die Menschen kennen, die hinter dem Wein stecken ...". 
Die Weinwand ist für ihn auch ein wichtiges Instrument, um etwaige Berührungsängste abzubauen. Die Weine werden im Achtel ausgeschenkt, da riskiert man/frau auch schon mal was. Und bei genussfreundlichen Preisen von 4, 6 und 9 Euro auch. Learning by drinking. Das Namedropping der einzelnen Winzer kann ich mir sparen, viele in der Weinszene bekannte Namen sind vertreten (Ostertag, Dönnhoff, Stargard, Heinrich, Tement, ... ). Alle Weine werden aber - und das ist wirklich anders - kompetent vorgestellt. WinzerIn, Region, Ausbau, Jahrgänge - es gibt wirkliche Informationen, die auch über die hinlänglich bekannten Fakten hinaus gehen. Vor allem Christoph, der sich in erster Linie um den Service kümmert, hat in Sachen Wein wirklich Ahnung. Es macht einfach Spass mit ihm über die Weine zu plaudern.


Dreidimensionale Weinkarte: Die Weinwand
präsentiert die jeweils im Ausschank erhältlichen Weine


Der Münchner will eigentlich was Essen.

Sigrid Prantl hat ihre legendäre Weinbar in der Münchner Innenstadt schon 2004 aufgegeben. Eine Institution und ein Solitär. Über Jahre war es praktisch die einzige Weinbar in der Stadt. Es ist ein wirkliches Paradoxon: In keiner Stadt Deutschlands wird mehr Wein verkauft als in München, in keiner anderen deutschen Großstadt dürfte es selbstverständlicher sein, dass zum guten Essen ein entsprechender Wein gehört. Und doch bietet sogar Berlin (sic!) deutlich mehr Möglichkeiten ein anständiges (Solo-)Glas Wein zu trinken als München. (Anm.: Wobei sich da einiges zu bewegen scheint. Das Goldloch in Haidhausen soll auch eine formidable Weinbar sein, ein Besuch steht noch aus)
Ganz ohne Speisenbegleitung kommt auch das LoreLey nicht aus. In Ermangelung einer größeren Küche gibt es täglich ein warmes 'Schöpfgericht', das Oliver zaubert. Dazu Kleinigkeiten wie Wurst und Käseplatten, ausgezeichnete Würstchen von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Handgemacht wie die zu begleitenden Weine.


Klein. Fein. Handgemacht: Das Speisenangebot zum Wein


Schatztruhe. Das Weinbuch der Loreley

Gregor kann dem geneigten Besucher seiner Weinbar neben den 40 offenen Weinen auch noch ein paar spezielle Flasche bieten. Wobei 'ein paar' ziemlich untertrieben ist. Um die 500 Positionen stehen im imposanten Weinbuch. Das vor Entdeckungen nur so strotzt, mehr als 20 Jahre Weinhandel haben ihre Spuren hinterlassen. Vor allem gereifte Flaschen aus Frankreich lassen sich finden. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, den1991er  A360P Muenchberg Grand Cru von André Ostertag jemals auf einer Weinkarte gesehen zu haben. Und zu dem Preis habe ich ihn noch nicht mal im Handel gesehen. Ganz im Ernst: Dieses Weinbuch ist eine Offenbarung. Und allein ein Grund, aus der LoreLey (m)ein Wohnzimmer zu machen.