14.01.14

IPA, BOCK UND ZWICKL: UND ES GIBT DOCH FEINKOST BEIM BAUMGARTNER

Nymphenburger 181 seit Geburt: Ludwig Baumgartner jun. vor dem imposanten Bierregal im Geschäft seiner Eltern. 1965 eröffneten sie den Lebensmittelhandel, er lebt seit seiner Geburt hier. Heute führt der Junior das Familienunternehmen, Ludwig sen. macht die Marmeladen, Essiggurken und Sirupe. Zusammen sind die Baumgartners eine feste Größe im Leben ihres Viertels. Und seit neuestem der Geheimtipp für Bierfans.


Es war eigentlich ein Zufall, dass ich auf Familie Baumgartner und ihr Geschäft gestossen bin. Beim Flanieren Richtung Kanal auf der Nymphenburger Strasse fiel mir zwischen den ganzen Boutiquen, Handyläden und Optikern ein altmodisch dekoriertes Schaufenster auf. Ziemlich groß sogar, zwei Eingangstüren wurden von den übermannshohen Fenster umschlossen. Zu sehen gab es eingelegte Gurken, selbst gemachte Marmelade, Lindenblütensirup. Und Unmengen von Bierflaschen. Etiketten und Brauereien, die ich noch zuvor gesehen hatte, bunt, modern, altmodisch, ein einziger farbenfroher Fleckenteppich. Auf der Markise, die über dem Schaufenster angebracht war, schimmerte der Schriftzug 'Baumgartner' durch. Und leicht verblasst, das Wort 'Feinkost'. Der Anblick der ausgestellten Waren prägte sich ein, bei nächster Gelegenheit besuchte ich Feinkost Baumgartner. Und tauchte ein in eine Welt vergangener Genüsse, die dennoch absolut zeitgemäß sind.


Das Bier bringt Schwung in den Laden                                                                                     


Zwischen 60 und 100 Bieren aus ganz Bayern, Österreich und neuerdings auch Schottland hat Baumgartner in den Regalen stehen. Jede Woche kommt Nachschub, denn die Nachfrage ist groß. Was vor 2 Jahren als kleiner Test begann, hat sich zur festen Größe im Sortiment gemausert. Viele der Biere sind schnell ausverkauft. Vor allem die Spezialbiere - Bockbiere, Zwickl oder auch Kellerbiere - sind gefragt. Eine Rezeptur aus England ist im Moment besonders angesagt: "Derzeit wollen alle IPA, also Indian Pale Ale, das ist ein echter Renner geworden", sagt Ludwig Baumgartner. Die hopfenbetonte, sehr fruchtig schmeckende Bierspezialität wird auch von bayerischen BrauerN verstärkt angeboten.
Schlaraffenland für Biertrinker
Das Bier bringt neue Kundschaft in das altehrwürdige Geschäft. Vor allem junge Leute, die sich zu Beertastings verabreden und bei ihm ihren Bedarf decken. "Sie kaufen natürlich keine ganze Kiste, das sind eher 3,4 oder 5 Flaschen die sie mitnehmen. Da ist das Bier zu einem richtigen Genussprodukt geworden". 
Die Auswahl der Biere wechselt kontinuierlich. Denn viele der Biere sind auch bei den Brauereien schnell ausverkauft, der Markt lebt von der Verknappung. Aber das ist kein Problem, denn neue Brauereien schiessen wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden, etablierte Braustätten nehmen neue Rezepturen ins Sortiment. Und im Ausland lassen sich auch noch einige Entdeckungen machen. Belgische Biere sind neu dabei, die Brewdogs aus Schottland stehen im Regal und auch Holladiebierfee aus Hof bereichern das Angebot. Es ist einfach ein Genuss, jede Woche ein paar andere Biere auszuprobieren. Und festzustellen, dass Bier nicht gleich Bier ist.


Craft Beer und selbst gemachte Marmelade                                                                               


1963 kam Vater Ludwig Baumgartner aus Niederbayern nach München, das Geschäft in der Nymphenburger Strasse 181 eröffnete er mit Ehefrau Gretel 1965. Das Angebot der Baumgartners hat sich seitdem nicht wirklich verändert und gibt es in dieser Form eigentlich nur noch bei Ihnen. Von der belegten Semmel bis zum anspruchsvollen Rotwein, vom frischen Leberkäs und selbst gemachten Marmeladen (die ja Fruchtaufstriche heissen müssen), Schokoladen, frischem Obst und Gemüse. Alles, was der Mensch so zum Leben braucht. Oder zum Leben möchte. Denn es finden sich auch einige Spezialitäten in den schönen alten Regalen und Vitrinen, früher Feinkost genannt. Aber auf diese Bezeichnung legen die Baumgartners keinen Wert mehr. Das Attribut 'Feinkost' überlassen sie lieber den Käfers und Dallmayrs dieser Stadt.
Lebensmittelhandwerk:
Auch die Gurken legt Baumgartner sen. ein
Wirklich wichtig sind den Baumgartners ihre selbst gemachten Marmeladen. Die müssen zwar laut Verordnung 'Fruchtaufstrich' genannt werden, aber Ludwig Baumgartner senior lässt sich die Freude am Marmeladekochen von dieser Bürokratenpedanterie nicht vermiesen. Seit 12 Jahren kocht er seine Marmeladen, Fruchtsäfte und Sirupe nun schon, und hat es im Viertel zu einer treuen Stammkundschaft gebracht. Angebaut wird das dafür notwendige Obst auf dem eigenen Grund, im Niederbayerischen Bäderdreieck, unweit von Bad Birnbach. Dort stehen auf 6.000 qm Apfelbäume, Johannisbeersträucher, Hollerbüsche. Das reicht für 1.000 Flaschen Apfelsaft, 200 Flaschen Hollunderblütensirup und mehrere hundert Gläser Marmelade. Eingekocht wird im Keller des Ladens, wo ehemals eine Metzgerei ihre Wurstküche betrieb. Heute ist es das Reich von Baumgartner senior. Und die Wurst? Kommt größtenteils von der Metzgerei Schelkopf in München, seit 50 Jahren beziehen die Baumgartners ihre Wurstwaren von dort. Gewachsene Geschäftsbeziehungen sind Vater und Sohn wichtig. Und der gute Kontakt zur Laufkundschaft. Denn da lässt sich immer noch was verkaufen. "Wenn Du einen Bauarbeiter reinbekommst, hast du die ganze Baustelle", sind beide überzeugt. Wer einmal die Wurstsemmeln probiert hat, die hier noch von Hand und mit Liebe gemacht werden, versteht die Baustelle. Und wer einmal den Luxus der handwerklich produzierter Biere aus dem Regal der Baumgartners genossen hat, fragt sich, warum das Wort 'Feinkost' nicht in Leuchtschrift über dem Geschäft prangt.


Eine Auswahl wie aus vergangenen Zeiten: Ein Lebensmitteladen wie aus dem Bilderbuch


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