28.01.14

BRÜSTCHEN, SÜPPCHEN, SÖSSCHEN & CO.: KINDERTELLER FÜR ALLE !

Und was bitte ist jetzt der Unterschied zwischen Süppchen und Suppe ?
Ist es wirklich eine Unart oder bin ich nur zu alt, zu blöd, zu pingelig oder was auch immer? Oder liegt es an meinem Wohnort München-Neuhausen, der von lauter "Lassen-Sie-mich-durch-ich-bin-Mutter/Vater" Menschen tyrannisiert wird? Aber ganz egal ob es an mir oder nur meiner Wahrnehmung liegt. Jedenfalls muss es doch einen objektiven Grund dafür geben, dass die Endungen '-chen' und '-lein' als Appendix jedem sich bietenden Wort beigegeben werden

Am Unsäglichsten finde ich das noch nicht einmal beim Linusleinchen, der im Neulinger sein Semmelchen nicht recht essen möchte und von seinem Muttchen das offenkundig mit dem Kinderwagen bis hinter den Tresen rollen will (sic!), dafür fast ein wenig getadelt wird. Nein, sogar fernab jeglichen Kindergartenhirnwäschenverdachts wird mir das Diminutiv permanent vor den Latz geknallt. 
Unschwer zu erkennen: Dies ist eine Suppe! Kein Süppchen !!
Und das leider in des Wortes wahrster Bedeutung. Denn sobald die Karte eines Restaurants per Mail, Social Media oder auch ganz analog im Restaurant mein Gesichtsfeld erreicht, wird mit einer Verkleinerungsform nach der Anderen meine Geduld strapaziert. Da schwimmen 'Bröckchen vom Landbrot im Schaumsüppchen von der Kartoffel', da liegen 'Scheibchen von der Entenbrust im Portweinsösschen' und zu guter Letzt wird ein 'Pralinchen von der Walnuss' angepriesen. Hallo ? Alles klar zuhause? Die Speisekarte wieder gemeinsam mit dem Nachwuchs formuliert, der ansonsten seine Zeit im Kindergarten 'Heinzelmännchen' verbringt ? Oder soll ich auf subtilste Weise auf die zu erwartenden Menge auf dem Teller vorbereitet werden? Das Süppchen findet also Platz in einer halben Espressotasse und ist schneller getrunken als der Name des Gerichts ausgesprochen? Und die Scheibchen sind so dünn geschnitten, dass ich mühelos hindurchschauen und den fragenden Gesichtsausdruck meines Tischgegenübers erkennen kann? 

Das Diminutiv ist eine grammatikalische Verkleinerungsform. Linusleinchen ist also ein ganz kleiner Kerl in den Augen seiner Mutter. Das ist soweit vielleicht in Ordnung, wenngleich ich vermute, dass der arme Kerl bei weiterer Verwendung der doppelten Verkleinerungsform über kurz oder lang auf der Therapeutencouch liegt. Dieses Problem soll er mit Muttern und Krankenkasse abklären. Aber was mache ich mit dem Diminutiv an allen Speisen? Die Verfasser freundlich darauf hinweisen, dass ich keine halbe Portion bin, also kein Portiönchen, und selbige auch tunlichst nicht auf meinem Teller vorfinden möchte? Vielleicht das Oberchen darauf hinweisen, dass das Köchlein den Text des Speisekartchens nicht befolgen soll und mein Tellerchen reichlich füllen möge? Oder sollte ich Nachsicht wallten lassen? Schließlich ist ein Koch ein Koch und kein Texter oder Deutschlehrer. Das Diminutiv für ihn also nur ein unbewusstes Mittel, um seine Kreationen edler, wertiger und feiner wirken zu lassen. Aber wahrscheinlich ist es noch profaner. Und der arme Kerl an Stift und Kochlöffel heisst ganz einfach: Linus ...