08.12.13

ALTE BIERE: IT AIN'T OVER 'TIL IT'S OVER

Teller statt Tonne 'extrem': Ich habe eine Kiste voller abgelaufener Biere im Keller. Rein zu Studienzwecken. Bei allen liegt das MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) schon Jahre zurück. Im Prinzip - also nach Definition gängiger europäischer Vorschriften - müsste ich alle diese Biere wegwerfen. Mach ich aber nicht. Ich trinke sie. Nicht regelmäßig, aber immer wieder mal. Mit drei belgischen Bieren aus eher kleinen Brauereien habe ich in den letzten Tagen eine "Horizontalverkostung" gemacht. Und lebe immer noch.

Das ist doch mal ein echtes Experiment: 3 Biere, deren Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) schon Jahre zurückliegt, grundsätzlich also Lebensmittel, die aus dem Verkehr genommen werden sollten. Ich bin da aber nicht sonderlich zimperlich. Alles was meine Nase noch als 'erträglich' identifiziert, probiere ich auch. Von Daten auf Etiketten lasse ich mich da weniger leiten. Die drei Biere sind Teil einer ganzen Kiste voller Altbiere, die in meinem Keller steht. Einträchtig neben den Bordeaux und den Burgundern, gleich unter den Rieslingen von Heymann-Löwenstein. Also in bester Gesellschaft. Dieses 'Reifeexperiment' habe ich ganz bewusst vorgenommen. Da mich Bier seit meinen Tagen in Oberfranken ganz besonders interessiert, lag es nahe mit ein paar Bieren ähnliches wie beim Wein zu versuchen. Einfach mal weglegen und schauen was passiert. Da es sich überwiegend um stärkere Vertreter der Gattung Bier handelt, sollten Alkohol, Zucker und CO2 doch für eine irgendwie geartete Form der Konservierung und positive Alterung sorgen. Und für den Fall das es nix wird, also die Biere vergammelt oder übelriechend geworden sein sollten - dann eben nicht. Alle drei Biere sind ohne Zusatzstoffe hergestellt worden. Also ohne Fruchtsäfte oder Geschmacksstoffe. Steht jedenfalls so auf den Etiketten. Wasser, Hopfen, Malz, Getreide - mehr soll nicht drin sein.


Den Auftakt meiner kleinen Probe machte das Orval (0,33, Alc. 6,2% Vol.) Das Bier wurde am 01.03.2007 abgefüllt und war laut Aufdruck bis zum 01.03.2012 mindesthaltbar. Die Trinktemperatur lag bei 10° Celsius. Probiert wurde aus einem großen, bauchigen Glas, Typ 'Burgunder'. Die Bierflasche wurde 30 Minuten vor dem Einschenken geöffnet. Die Farbe: Ein trübes Kupfer mit Schwebeteilchen. Der Schaum war weiss und dicht, sehr feine Bläschen. Hielt ca. 30 sec bevor er schnell zusammenfiel.
In der Nase roch das Bier stark nach Mandarine, Orangenzesten und grünen Walnüssen. So ein wenig 'unreif'. Die heftigen Hefenoten unterstützen diesen Eindruck. Im Mund war das Orval sehr fruchtig. Die Mandarine war da, dazu Banane. Die Hopfennote sehr verhalten, eher süss als herb. Im Mund auch sehr schlank, überhaupt nicht sättigend. Bleib bis zu 30 Sekunden im Mund sschmeckbar.
Insgesamt etwas unharmonisch und für meinen Geschmack zu fruchtbetont.


Das nächste Bier:  Westmalle Trappist Tripel (0,33, Alc. 9,5% Vol) Laut Etikett war es bis zum 22.03.2009 haltbar. Mindestens. Die 'Testanordnung' war dieselbe wie beim Orval. Die Farbe: Hell, ein ganz zartes Orange, natürlich hefetrüb dabei. Der Schaum war elfenbeinfarben, mittelgrosse Bläschen. Hielt ca. 20 sec bevor er langsam zusammenfiel und sich am Rand des Glases hielt.
In der Nase roch das Bier stark nach (Akazien-) Honig, dazu kam wieder etwas Orange. Nach Hefe roch das Westmalle fast gar nicht, sehr überraschend nach dem optischen Eindruck. Im Mund war das Bier sehr frisch, wirkte geradezu jugendlich. Viel Karamell, ein Hauch Tabak und wieder diese Zitrusnoten. Deutlich komplexer und körperreicher als das Orval. Aber auch sehr viel alkoholischer. 
Die Flasche wurde mit wirklichem Genuss ausgetrunken.




Das letzte Bier in dieser Runde: Trappistes Rochefort  (0,33, Alc. 9,2% Vol) mindestens haltbar bis zum 28.03.2012 laut Etikett. Die Farbe: Mittelbraun, stumpf und trüb. Nicht sehr animierend. Der Schaum war schmutzig weiss, mittlere bis große Bläschen. Hielt ca. 20 sec bevor er schnell zusammenfiel.
In der Nase vor allem malzig, Kakao und Bitterschokolade, diesmal keine Orange. Der Geschmack: Vor allem der Kakao bleibt, dazu Zimt und Lakritze. Süss durch die starke malzige Note. Trotzdem auch eine gewisse Frische im Trunk, da waren auch ganz zarte Zitrusnoten zu spüren. Komplex und vielschichtig in der Aromatik. Langanhaltend im Mund, aber auch sättigend.

Fazit: Also wirklich 'schlecht' war keines der drei Biere, alle liessen sich trinken und hatten keinerlei gesundheitliche Folgen. Das Orval zeigte sich ein wenig langweilig und war mir zu hefig. Die beiden anderen Biere - wohl auch dank des hohen Alkoholgehalts - waren sehr viel angenehmer. Sicher nichts zum schnellen Durstlöschen. Aber gerade durch den komplexen Geschmack kann ich mir das Trappistes und das Westmalle gut zu einem Schmorbraten vorstellen. Vielleicht sogar Sauerbraten. Oder als Solo-Genuss. Ich bin jedenfalls froh noch ein paar Flaschen meiner 'Altbiere' im Keller zu haben. 

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