29.09.13

CHENIN BLANC RULES: EIN LOIRE WEINABEND MIT ÜBERRASCHUNG


Nur wenige Weinregionen können eine solche Vielfalt an Weinstilen aufweisen wie die Loire. Und mit Chenin Blanc, egal ob trocken, versektet, edelsüss, halbtrocken - bietet die Region eine Traube mit unverwechselbaren Charme und Charakter. Was sich mit dem Riesling vergleichen lässt. Aber im Gegensatz zum deutschen Pendant, das seit Jahren quer durch die Republik ein Mega-Comeback feiert, bleibt Chenin eine Traube für Spezialisten. Da hilft nur eins: Gegenantrinken. Und die Loire hochleben lassen.

Zum Einstieg ein Gläschen Bouvet Ladubay Trésor: Das ist zwar kein reinsortiger Chenin Blanc (da steckt auch noch ein wenig Chardonnay mit drin), aber war als Kalibrierwein sehr passend. Gemeinsam mit der Foie gras ein perfekter Start. Frische, Körper und Aromatik - alles harmonisch. Aber auch noch nicht wirklich bemerkenswert. Das änderte sich erst mit der zweiten Flasche des Abend: Domaine Masson-Blondellet Pouilly-Fumé Tradition Cullus 2001. Ein Versteigerungsbeifang wie der Gastgeber anmerkte. Aber einer der es in sich hatte: Ganz tiefes goldenes Gelb, viel Honig in der Nase (Akazie), Röstaromen, das ganze Spektrum goldener Aromen ... das lässt natürlich auf einen gereiften, edelsüssen Wein schliessen. Nix da ... der Wein war knochentrocken im Mund, schlank, frisch (!), Zitrusfrucht, (Grapefruit!) dazu ein Hauch Karamell. Etwas länger könnte er sein. Aber ist so, wie er ist, extrem trinkbar. Gehaltvoll ohne sättigend zu sein. Und dabei ist das noch nicht einmal ein Chenin Blanc. 100% Sauvignon Blanc, eben Pouilly-Fumé. Aber da die Appellation an der Loire liegt, im Rahmen unsere Abendthemas. 
Können korkende Weine retten: Gratinierte Muscheln
Nächster Wein: Coulée de Serrant 1991. Über Nicolas Joly und seine sehr spezielle Art der Weinbereitung braucht man wohl kein Wort mehr zu verlieren. Die ganze Nummer mit den vergrabenen Kuhhörnern, der Erdenergie und so. Leider war an diesem Wein nix zu spüren von dem ganzen Aufwand, den Herr Joly betreibt. Denn der Wein hatte: Kork. Und zwar in einer Intensität, die auch nicht mehr schön zu trinken war. Damit wäre die Geschichte eigentlich durch. Aber da waren die Muscheln ... gratiniert, beherzt mit Knoblauch, Piment d'espelette und Petersilie gewürzt. Und das 'Wunder' geschah ... mit diesem Aromenfeuerwerk zur Seite liess sich der Korkiboy doch noch trinken. Es war zwar kein eigenständiger Genuss - aber gegen Knoblauch & Co. hatte der Kork wenig Chancen uns Trinker nachhaltig zu ärgern. Die Flasche war relativ schnell getrunken. Ohne bleibenden Eindruck. Und ohne bleibende Enttäuschung. 
Wir wechselten die Farbe und  gingen zum Rotwein über. Cabernet franc aus Chinon. Charles Joguet, Varennes du Grand Clos 1995. Noch aus der Zeit, als der Meister selber das Heft in der Hand hatte. (1997 zog sich Joguet zurück). Der Wein: Erstaunlich jugendliches Rot, kaum Brauntöne am Glasrand. Die Nase zeigt zwar schon Reifetöne, aber auch eine gewisse Grandezza. Es ist Klasse vorhanden, ohne zu verkopft zu sein. Ein Hauch von Fleisch, sogar etwas Sattel (THC?). Johannisbeere im Mund, sehr 'erwachsene' Balance zwischen Frucht und Struktur. Die zweite Flasche wirkte sogar noch etwas frischer, leichtfüssiger. Vom Stil her, ging es in die burgundische Richtung, gereifter Pinot Noir ist von der Ästhetik vergleichbar. Wohl dem, der noch ein paar Flaschen Joguet aus den 90ern davon im Keller hat. Also ich. Die Ente in zwei Gängen (1. Brust gebraten mit Wirsing und Morcheln, 2. Mit Duxelles gefüllte Schenkel, Sauce und Gratin) war absolut passend. Die Fleischnoten des Weins harmonierten sehr schön mit dem roten Fleisch. (Wir haben dann auch noch einen Chambolle-Musigny 1er Cru La Combe d'Orveaux 1999 von Clavellier eingeschoben. Wir hatten mehr Ente als Rotwein ... )
Wir kamen zum Käse und zum Chenin zurück. Jetzt wurde es edelsüss. Mit dem Chateau Bellerive Quarts de Chaume 2003 kam gleich ein echtes Prachtstück ins Glas. 
... tiefstes Gold, mit Rottönen, kurz vor Kupfer. In der Nase Honig, Brioche, Zitronenzeste und ein Hauch Petrol. Unglaublich üppig, geradezu sinnverstörend, gereifter Chenin blanc macht (zumindest mich) irre. Im Mund die braune Seite der Aromatik: Haselnuss, Karamell, Nougat ... und trotzdem zeigt der Quarts de Chaume Frische, Eleganz und Länge. Nur Chenin blanc und Riesling haben eine solche Bandbreite der Reifemöglichkeit und der Aromatik. Viel zu schnell weg. 
Zum Glück stand mit dem Quarts de Chaume 1999 der Domaine de Baumard noch ein zweiter Vertreter des gereiften Chenin blanc zur Verfügung. Er war insgesamt etwas schlanker, nicht ganz so üppig und ausladend. Vielleicht lässt sich das vergleichen mit Trockenbeerenauslese (Bellerive) und Auslese (Baumard). War mit der fantastischen Quittentarte ein sensationeller Abschluss einer überaus genussreichen Reise an die Loire. Und dafür musste ich nur mit dem 62er-Bus 4 Stationen fahren ...






Die Weine im Überblick (v.l.) Bouvet-Ladubay Trésor, Domaine Masson-Blondellet Pouilly-Fumé Tradition Cullus 2001, Coulée de Serrant 1991, Charles Joguet Chinon Varennes du Grand Clos 1995, Chambolle-Musigny 1er Cru La Combe d'Orveaux 1999 von Clavellier, Chateau Bellerive Quarts de Chaume 2003, Domaine de Baumard Quarts de Chaume 1999


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