04.03.13

SLOW WINE: HAUPTSACHE BILLIG?




Grundsätzlich ist es ein guter Ansatz: Ein handfester Ratgeber für den Weinkauf, Ross und Reiter werden klar genannt. Und kategorisiert. Schnecke, Flasche oder Euro als Symbole kennzeichnen die Weingüter mit besonderen Eigenschaften, die Begriffe ,Vino Slow‘, ,Großer Wein‘ und ,Alltagswein‘ sollen einzelne Weine besonders hervorheben. Von Geschmack ist da noch nicht die Rede. 




Dafür ist das Preis-Leistungs Verhältnis zum Gefallen der Schnäppchen Jäger ein Kriterium und taucht in gleich 4(!) Kategorien als Bewertungsmaßstab auf. Die eigentlichen Slow Food Kriterien - sinnliche Eigenschaften, Terroirausdruck, Umwelt und Persönlichkeit - sind dagegen nur bei den mit einer Schnecke ausgezeichneten Weingütern von Relevanz. Ein bißchen verwundert es schon: Die Lebensmittelretter von Slow Food freuen sich vor allem über preiswerte Weine. Erwartet hatte ich von einem Slow Wine Führer etwas anderes. Autochthone Rebsorten, Reberziehung, Bodenbearbeitung, Spontanvergärung, Amphorenausbau, Barriqueverzicht - alles Schlagworte die mit meinem Bild von einem Slow Food Wein sehr viel mehr zu tun haben, als die Frage nach der Preiswürdigkeit. Auch der Slow Food Claim - gut, sauber, fair - findet sich in der Suche nach dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis nur sehr bedingt wieder. Da liegt der Verdacht ziemlich nahe, dass hier in erster Linie ein Weinführer aufgelegt wurde um Geld in die traditionell klammen Kassen der Bewegung zu spülen. Das ist verständlich - macht aus dem Weinführer aber leicht angreifbares Werk. Und hilft der Glaubwürdigkeit der Slow Food Bewegung nicht weiter. Und wenn auch noch eine aufgedruckte 10%-Rabattmarke das Cover verunziert, ist die Frage nach der Schnäppchenjägermentalität in Slow Food Kreisen wohl endgültig geklärt.




Neben diesen grundsätzlichen Fragen gab es natürlich auch etwas zu verkosten. 98 Weingüter mit jeweils 2 Weinen. In 6 Stunden nicht zu schaffen. Deshalb hier nur ein kurzer Auszug meiner Notizen.Das Piemont schmeckt fruchtig wie selten. Vielen Winzern ist es gelungen mit moderner Technik und verbesserten An- und Ausbaumethoden ihren Vorzeigeweinen Barolo und Barbaresco einen süß-saftigen Fruchtkern zu verpassen. Das schmeckt vielen besser als die Kanthölzer der Vergangenheit. Und lässt sich auch besser verkaufen. Der Barolo Mosconi 2008 von Conterno Fantino steht dann mit seinen 15% Alkohol in prachtvollen Rot im Glas. Mit den leichten Klebstoffnoten in der Nase und dem opulenten Fruchtkern wird er international für die angepeilten 59 € per Flasche sicher weggehen. Mir ist das zu gefällig. Da ist der Ghemme Collis Breclemae 2004 vom Weingut Antichi Vigneti di Cantalupo mehr nach meinem Geschmack. Mit seinem blassen Ziegelrot und der verschlossenen Nase wirkt er ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Schlank und burgundisch, mit präsenter Säure und strammen Tanninen ein klassicher Herr aus Norditalien. Ähnlich altmodisch wirkte der Barbaresco Ovello 2009 von Gigi Bianco. Der Winzer mit gerade 18.000 Flaschen Produktion legt seinen Barbaresco ins große Holz. Und mit seinem hellen Ziegelrot, dem Duft nach Walderdbeeren, den kräftigen Tanninen hinter der nicht zu süßen Frucht ist er im besten Sinne ,old-school‘.  Spass machen vor allem die eher unbekannteren Regionen im Norden, der Barbera D‘Asti Superiore Nizza La Nicchie 2009 vom kleinen Familienweingut La Gironda überzeugte mit Komplxität und Trinkfreude und kann sogar ohne begleitendes Essen auskommen. Richtig originell wurde es mit der autochthonen Rebsorte Ruché, die im Ruché di Castaglione Monferrato Majoli 2011 von Dacapo mit intensiven Rosenduft und zarten Tanninen an einen altmodischen Beaujoulais erinnerte. 



Ungewöhnlich und autochthon auch der Riviera Ligure di Ponente Pigato Domé von VisAmoris. Das kleine ligurische Weingut produziert relativ konventionell. Noch nicht einmal spontan Vergärung. Aber im Glas riecht der Wein wie ein ,vin naturel‘. Ein Hauch von Schwefel, kaum Primäraromen. Im Mund weist die Rebsorte Pigato dann gewisse Ähnlichkeiten zum Riesling auf, frische Säure, gelbe Früchte, viel Mineral. Sehr spannend - und ein Tipp zum Weglegen. Und einer der ganz wenigen Weißweine der Präsentation der mehr konnte als einen Teller Pasta di Mare zu begleiten. Zu den Ausnahmen gehörte auch der Malvasia 2011 von Borgo San Daniele aus dem Friaul, der mit seiner Brioche Nase, der Akaziensüße, allerdings auch 14% Alkohol, ein eches Gegengewicht zur Armada der blassen Leichtgewichte darstellte. 


Die Mitte Italiens und damit die Toskana war mit dem Piemont die zahlenmäßig stärkste Region, 20 Weingüter stellten an. Darunter vor allem viele Bekannte (Capezzana, Isole e Olena, Badia a Coltibuono, Fontodi, ...) und ein paar Entdeckungen. Caparsa überzeugte mit seinem Chianti Classico Caparsino Riserva 2008 der mit strammer Säure, massenhaft Tannin und sehr männlicher Ausstrahlung einige Trinkerfahrung und vor allem Kellerreife fordert. Die Weine bis 2006 waren zu kosten. Und alle waren sich einig in ihrer jugendlich muskulösen Sperrigkeit. Wein zum streiten, zum diskutieren. Klasse!
In die selbe Richtung gehen der Chianti Classico 2010 und Chianti Classico Il Campitello Riserva 2009 vom Weingut Monteraponi. Beide haben kein Barrique gesehen, sind keine Schmeichler. Als Essensbegleiter ideal, schlank, säurebetont, eher burgundisch als kalifornisch. Auch die feine Bitterbote die dem Chianti traditionell zugeschrieben wird fehlte nicht. Wer es in der Mitte Italiens gerne zugänglicher möchte, muss dafür in die Marken schauen: Der Rosso Conero 2009 von Moroder bietet Frucht, Körper und mildes Tannin für unter 10 €. Damit das Thema ,Preis-Leistung‘ auch einmal im positiven Kontext erwähnt wird.

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