04.06.18

OLLE FRANKEN: GEKOSTET UND FÜR GUT BEFUNDEN


Wenn es darum geht, in der Weinwelt als ‚große‘ oder ‚bedeutende‘ Weinregion wahrgenommen zu werden, ist die Frage nach der Langlebigkeit der Weine von zentraler Bedeutung. Der Reiz, oder besser, die weltweite Wertschätzung der Weine aus Burgund oder Bordeaux, dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben. Was liegt also näher um sein Weinbaugebiet in den Fokus der Öffentlichkeit zu bringen, als gereifte Weine zu präsentieren. 



Im Prinzip müsste das Renommee Frankens als Heimat reifefähiger Weine unendlich groß sein, schließlich ist der wohl älteste noch trinkbare Wein ein Franke, aus der Lage (Würzburger) Stein und aus dem Jahrtausendjahrgang 1540. Er liegt als Dauerleihgabe in den Kellern des Bürgerspitals, vor Diebstahl und Umwelteinflüssen geschützt, das Titelfoto zeigt den Wein und seine Nachbarn. Die vorletzte Flasche des Weins sorgte bei der Verkostung 1961 (hier ein paar Notizen dazu) für Entzücken bei den Anwesenden, und ist bis heute ein Beleg für das Potential fränkischer Weine. Wenn auch, zugegeben, ein sehr außergewöhnlicher. Und dieses Potential gilt auch für die trockenen Weine, das edelsüsse Weine ausgezeichnet reifen können, ist ja ohnehin Konsens. 

Wohl geordnet: Schatzkammer im Bürgerspital

Dem staunenden Fachpublikum das Reifepotenial vor Augen führen: Das macht Franken alljährlich mit der Rare & Fine Weintour. Sommeliers, Weinhändler und Journalisten werden ins Fränkische geladen, die Winzer gehen in die Tiefen ihrer Keller und bringen Flaschen ans Tageslicht, deren Existenz sie bisweilen selber überrascht. Da kann auch schon mal eine Flasche aus der Rückstellung dabei sein, eine Flasche, die als Gegenprobe der Qualitätsweinprüfung gedacht war und nicht zum Einsatz kam. Und genau solche Flaschen bringen immer wieder faszinierende Genusserlebnisse. Vor allem wenn sie aus guten oder sogar sehr guten Jahrgängen stammen. 

Spannungsgeladener Riesling: Hallburger Schloßberg 1990

In Franken war 1990 ein besonders guter Jahrgang, der vitale und langlebige Weine entstehen liess. Von der Maininsel kam ein Schloss Hallburg, Hallburger Schloßberg Riesling Spätlese 1990 ins Glas. Ein Riesling mit lebendiger, leuchtend goldenen Reflexen im Glas. im Mund ohne Petrolnote, dafür mit frischer, knackiger Säure, trotzdem Schmelz am Gaumen. Ein Wein, der blind verkostet locker 15 Jahre jünger eingeschätzt würde. Dass Potential des Jahrgangs lässt sich auch beim 1990 Iphöfer Julius-Echter-Berg Silvaner Auslese vom Weingut Johann Arnold schmecken. Hochelegante Reife ohne jede Müdigkeit, cremig am Gaumen, die Säure macht ihn ausgesprochen leicht zu trinken. Das Beste: Ein paar Flaschen sind noch im Weingut erhältlich.

Aromasorte mit Potential: Traminer aus dem Vögelein

Noch ein paar Jahre älter ist der 1979 Traminer Kabinett aus dem  Nordheimer Vögelein von der Winzergenossenschaft Nordheim. Ohne vordergründige Alterungsnoten stand er im Glas, balanciert, kandierte Rosenblätter treffen auf Trockenobst. Eine dezente Spur Liebstöckel belegt das Alter, zartbitter im Abgang. Der Wein macht einfach Spass und lässt sich mit Genuss trinken. Ganz sicher keine Selbstverständlichkeit, für einen fast 30 Jahren alten Kabinett einer Winzergenossenschaft. Noch ein Beispiel für besondere Qualität aus einer Genossenschaft, ist die Retzbacher Benediktusberg Müller-Thurgau Trockenbeerenauslese 1986 von der Winzergenossenschaft Thüngersheim. Die Farbe war eine Überraschung, dunkles Mokkabraun kam da aus der Flasche. Tiefe balsamische Noten, es war ein deutliches Rosinenaroma zu schmecken, dazu Kaffeelikör. Kein Dessertwein, eher ein Dessert in Weinform. 

Wein statt Dessert: Müller-Thurgau TBA 

Für den Fall, dass ich mit den kurzen Beschreibungen das Interesse geweckt haben sollte - bei Besuchen auf fränkischen Weingütern sollte man immer mal nach Altweinen fragen. Viele Winzer halten mittlerweile regelmäßig ausreichende Mengen an Weinen zurück, um sie dann gereift auf den Markt bringen zu können. Das sind keine Unmengen - aber ein paar Flaschen zu erwerben, ist in aller Regel möglich. Und es lohnt sich garantiert.